Die Literaturrecherche entscheidet darüber, auf welchem Fundament Ihre Arbeit steht. Wer planlos sucht, findet viel Zufälliges und übersieht das Wesentliche. Dieser Leitfaden beschreibt ein Vorgehen in sieben Schritten und nennt die Kataloge und Datenbanken, die an deutschsprachigen Hochschulen tatsächlich zur Verfügung stehen. Wie aus den Funden ein Kapitel wird, zeigt der Leitfaden Forschungsstand schreiben.
Schritt 1: Die Frage in Konzepte zerlegen
Eine Suchanfrage besteht nicht aus dem Titel Ihrer Arbeit, sondern aus deren Bausteinen. Aus der Frage „Wie wirkt sich Homeoffice auf die Arbeitszufriedenheit von Büroangestellten aus?“ werden drei Konzepte: Homeoffice, Arbeitszufriedenheit, Büroangestellte.
Schritt 2: Suchbegriffe sammeln
Zu jedem Konzept sammeln Sie Synonyme, Ober- und Unterbegriffe, verwandte Begriffe und die englischen Entsprechungen. Der größte Teil der Forschung erscheint in den meisten Fächern auf Englisch.
| Konzept 1 | Konzept 2 | Konzept 3 |
|---|---|---|
| Homeoffice | Arbeitszufriedenheit | Büroangestellte |
| Telearbeit | Berufszufriedenheit | Wissensarbeiter |
| mobiles Arbeiten | Wohlbefinden am Arbeitsplatz | Angestellte |
| remote work | job satisfaction | office workers |
| telework, telecommuting | work satisfaction | knowledge workers |
| working from home | employee well-being | white-collar employees |
Quellen für Suchbegriffe sind Lehr- und Handbücher, die Schlagwörter eines passenden Treffers im Bibliothekskatalog und die Thesauri der Fachdatenbanken, zum Beispiel MeSH in PubMed oder der Standard-Thesaurus Wirtschaft in EconBiz.
Schritt 3: Begriffe verknüpfen
| Werkzeug | Wirkung | Beispiel |
|---|---|---|
| OR | verbindet Synonyme innerhalb eines Konzepts, erweitert die Treffermenge | telework OR "remote work" |
| AND | verbindet die Konzepte, schränkt ein | telework AND "job satisfaction" |
| NOT | schließt aus. Sparsam einsetzen, weil auch Relevantes verloren geht | telework NOT students |
| Anführungszeichen | Phrasensuche, Wörter genau in dieser Folge | "working from home" |
| Trunkierung mit * | findet alle Endungen | telework* findet telework, teleworker, teleworking |
| Klammern | legen die Reihenfolge fest | (telework* OR "remote work") AND "job satisfaction" |
| Feldsuche | sucht nur im Titel, Abstract oder Schlagwort | TI, AB, SU, je nach Datenbank |
Eine vollständige Suchanfrage für das Beispiel:
(homeoffice OR telearbeit OR "mobiles arbeiten" OR telework* OR "remote work" OR "working from home") AND (arbeitszufriedenheit OR "job satisfaction" OR "work satisfaction")
Die Operatoren und Platzhalter unterscheiden sich von Datenbank zu Datenbank. Ein Blick in die Hilfeseite erspart leere Trefferlisten. Zu viele Treffer? Ein weiteres Konzept mit AND ergänzen, auf Titel und Abstract beschränken, den Zeitraum eingrenzen. Zu wenige? Synonyme mit OR ergänzen, trunkieren, ein Konzept streichen.
Schritt 4: Am richtigen Ort suchen
Kataloge und Suchportale
| Werkzeug | Betreiber | Wofür |
|---|---|---|
| Katalog oder Discovery-System Ihrer Bibliothek | Hochschulbibliothek | Bücher, E-Books und lizenzierte Aufsätze, die Sie sofort nutzen können |
| Karlsruher Virtueller Katalog (KVK) | KIT-Bibliothek | Metasuche über Bibliotheks- und Verbundkataloge weltweit, wenn ein Buch vor Ort fehlt |
| Katalog der Deutschen Nationalbibliothek | DNB | alle in Deutschland erschienenen Veröffentlichungen, auch Dissertationen |
| Datenbank-Infosystem (DBIS) | Universitätsbibliothek Regensburg | zeigt nach Fächern sortiert, welche Datenbanken es gibt und welche Ihre Hochschule lizenziert hat |
| Elektronische Zeitschriftenbibliothek (EZB) | Universitätsbibliothek Regensburg | zeigt mit Ampelfarben, auf welche Zeitschriften Sie im Volltext zugreifen können |
| BASE | Universitätsbibliothek Bielefeld | Suchmaschine für frei zugängliche wissenschaftliche Dokumente aus Repositorien |
| Google Scholar | breite Suche, Zitationszahlen, „Zitiert von“ |
DBIS ist der beste Startpunkt, wenn Sie nicht wissen, welche Datenbank zu Ihrem Fach gehört.
Fachdatenbanken nach Fach
| Fach | Datenbanken |
|---|---|
| Wirtschaftswissenschaften | WISO, EconBiz (ZBW), Business Source (EBSCO), EconLit |
| Sozialwissenschaften | SSOAR (GESIS), SocINDEX, Sociological Abstracts, WISO |
| Psychologie | PSYNDEX und PubPsych (ZPID), PsycInfo (APA) |
| Erziehungswissenschaft | FIS Bildung im Fachportal Pädagogik (DIPF), ERIC |
| Medizin, Gesundheit, Pflege | PubMed, LIVIVO (ZB MED), Cochrane Library, CINAHL |
| Rechtswissenschaft | juris, beck-online |
| Technik, Informatik | IEEE Xplore, ACM Digital Library, dblp |
| Naturwissenschaften | Web of Science, Scopus, SciFinder (Chemie), arXiv (Preprints) |
| Geisteswissenschaften | JSTOR, MLA International Bibliography, Deutsche Historische Bibliografie, BDSL (Germanistik) |
| fachübergreifend | Web of Science, Scopus |
Welche davon Sie nutzen können, hängt von den Lizenzen Ihrer Hochschule ab. Frei zugänglich sind unter anderem PubMed, PubPsych, EconBiz, SSOAR, FIS Bildung, LIVIVO, ERIC, BASE, dblp und arXiv.
Schritt 5: Das Schneeballverfahren
Haben Sie eine zentrale Arbeit gefunden, am besten eine aktuelle Übersichtsarbeit oder Metaanalyse, suchen Sie von dort in zwei Richtungen:
- Rückwärts: Das Literaturverzeichnis führt zu den älteren Arbeiten, auf denen sie aufbaut.
- Vorwärts: „Zitiert von“ in Google Scholar, Web of Science oder Scopus führt zu den neueren Arbeiten, die sie aufgegriffen haben.
Das Verfahren ist schnell, hat aber eine Schwäche. Wer nur Verweisen folgt, bleibt in einem Zitierkreis und übersieht Arbeiten aus anderen Schulen oder Disziplinen. Deshalb ergänzt es die systematische Suche und ersetzt sie nicht.
Schritt 6: An den Volltext kommen
- Lizenzierter Zugang: im Campusnetz, per VPN oder über den institutionellen Login auf der Verlagsseite. Die EZB zeigt, ob eine Zeitschrift für Ihre Hochschule freigeschaltet ist.
- Frei zugängliche Fassung: Viele Aufsätze liegen als Manuskriptfassung in einem Repositorium. Die Browsererweiterung Unpaywall und BASE finden solche Fassungen.
- Fernleihe: Bücher und Aufsatzkopien aus anderen Bibliotheken, bestellt über das Portal Ihres Bibliotheksverbunds. Gebühr und übliche Lieferzeit nennt Ihre Bibliothek.
- subito: ein kostenpflichtiger Lieferdienst für Dokumente aus Bibliotheken. Die Preise stehen auf der Seite des Dienstes.
- Nachfragen: Sie können Autorinnen und Autoren direkt um ein Exemplar ihres Aufsatzes bitten.
Planen Sie die Beschaffung früh. Ein per Fernleihe bestelltes Buch hilft in der letzten Woche vor der Abgabe nicht mehr.
Schritt 7: Bewerten, dokumentieren, aufhören
Quellen bewerten
- Wer hat es geschrieben, und wo ist es erschienen? Begutachtete Zeitschrift, Fachverlag, Hochschulschrift oder eine Website ohne Impressum?
- Wie aktuell ist es? In schnelllebigen Feldern zählt das Jahr, in anderen bleibt ein Klassiker maßgeblich.
- Wie wurde gearbeitet? Stichprobe, Methode und Grenzen stehen im Methodenteil und nicht im Abstract.
- Wer zitiert es? Häufig zitierte Arbeiten sind meist zentral, aber nicht automatisch richtig.
- Ist die Zeitschrift seriös? Bei unbekannten Open-Access-Zeitschriften lohnt ein Blick ins Directory of Open Access Journals (DOAJ).
Wikipedia, Ratgeberseiten, Skripte und Abschlussarbeiten anderer Studierender eignen sich zur Orientierung und gelten in der Regel nicht als zitierfähig. Dissertationen dagegen schon.
Rechercheprotokoll führen
Ein Protokoll verhindert, dass Sie dieselbe Suche dreimal durchführen, und liefert bei systematischen Literaturarbeiten den Methodenteil gleich mit. Die Vorlage zeigt die Spalten und drei Beispielzeilen. Trefferzahlen stehen als Platzhalter, weil sie sich mit jedem Tag und jeder Lizenz ändern und hier keine erfunden werden sollen.
| Datum | Datenbank | Suchanfrage | Filter | Treffer | davon relevant | Notiz |
|---|---|---|---|---|---|---|
| [Datum] | WISO | (homeoffice OR telearbeit) AND arbeitszufriedenheit | ab 2015 | [Zahl] | [Zahl] | [z. B. Anteil Praxisliteratur] |
| [Datum] | PubPsych | (telework* OR "remote work") AND "job satisfaction" | ab 2015 | [Zahl] | [Zahl] | [z. B. gefundene Übersichtsarbeit] |
| [Datum] | Google Scholar | „Zitiert von“ zu Gajendran und Harrison (2007) | ab 2020 | [Zahl] | [Zahl] | [z. B. neue Längsschnittstudien] |
Gajendran und Harrison (2007) ist eine Metaanalyse zur Telearbeit im Journal of Applied Psychology (https://doi.org/10.1037/0021-9010.92.6.1524). An ihr zeigt der Leitfaden Forschungsstand schreiben, wie aus Funden eine Literaturmatrix wird.
Relevante Treffer wandern sofort in die Literaturverwaltung, mit PDF, Schlagwörtern und einer kurzen Notiz, wofür die Quelle gebraucht wird. Wie Sie eine solche Sammlung ordnen, beschreibt der englische Leitfaden Organizing Academic Literature.
Wann ist Schluss?
Wenn zwei Dinge zusammenkommen: Neue Suchanfragen und neue Literaturverzeichnisse liefern fast nur noch bekannte Titel, und Sie können die wichtigsten Positionen und Namen des Feldes aus dem Kopf nennen. Eine Recherche ist nie vollständig, sie muss nur für Ihre Frage ausreichend und nachvollziehbar sein. Richten Sie in den wichtigsten Datenbanken einen Suchalarm ein, damit Ihnen bis zur Abgabe nichts Neues entgeht.
KI-gestützte Suche
KI-Werkzeuge für die Literatursuche lassen sich in zwei Gruppen teilen. Allgemeine Chatbots erzeugen Text und können dabei auch Quellen nennen, die es nicht gibt. Spezialisierte Werkzeuge durchsuchen einen Bestand echter Publikationen und verlinken auf diese. Nur die zweite Gruppe ist für die Recherche brauchbar, und auch sie hat Grenzen: Der Bestand ist nicht vollständig, deutschsprachige Literatur und Bücher sind oft schwach abgedeckt, und eine Relevanzsortierung ist kein Qualitätsurteil.
Wenn Ihre Hochschule den Einsatz erlaubt, gehen Sie so vor:
- Nutzen Sie KI ergänzend zu Katalog und Fachdatenbank. Der KI-Leitfaden mehrerer Arbeitsbereiche der Freien Universität Berlin untersagt zum Beispiel ausdrücklich die ausschließliche Recherche mit KI-Tools.
- Prüfen Sie jede Quelle: Gibt es sie, stimmt der DOI, steht im Text, was die Zusammenfassung behauptet?
- Tragen Sie das Tool in Ihr Rechercheprotokoll und in das Hilfsmittelverzeichnis ein.
Einzelheiten zur Kennzeichnung stehen im Leitfaden KI-Tools in der Abschlussarbeit zitieren und kennzeichnen.
Häufige Fehler
- Nur auf Deutsch suchen.
- Den Titel der Arbeit als Suchanfrage eingeben.
- Nur eine Suchmaschine nutzen und die lizenzierten Fachdatenbanken nie öffnen.
- Nach der ersten Trefferseite aufhören.
- Zu spät beginnen. Fernleihen und Buchbestellungen dauern.
- Nichts protokollieren und Wochen später nicht mehr wissen, wo ein Aufsatz herkam.
- Abstracts statt Aufsätze zitieren.
- Literaturangaben aus einem Chatbot übernehmen, ohne die Quelle geöffnet zu haben.
Quellen
- Universitätsbibliothek Regensburg. Datenbank-Infosystem (DBIS) und Elektronische Zeitschriftenbibliothek (EZB). https://dbis.ur.de und https://ezb.ur.de
- KIT-Bibliothek. Karlsruher Virtueller Katalog (KVK). https://kvk.bibliothek.kit.edu
- Universitätsbibliothek Bielefeld. BASE: Bielefeld Academic Search Engine. https://www.base-search.net
- Leibniz-Institut für Psychologie (ZPID). PubPsych. https://pubpsych.zpid.de
- subito. Dokumente aus Bibliotheken. https://www.subito-doc.de
- Booth, A., Sutton, A., Clowes, M. & Martyn-St James, M. (2026). Systematic approaches to a successful literature review (4. Aufl.). SAGE.
- Bach, A., Holder, K., Schmidt, M. & Wissmann, J. (2025). Leitfaden zur Nutzung KI-basierter Systeme und Tools in Abschlussarbeiten (Stand: Dezember 2025). Freie Universität Berlin. https://www.ewi-psy.fu-berlin.de/erziehungswissenschaft/arbeitsbereiche/schulentwicklungsforschung/downloads/Leitfaden_KI_Abschlussarbeiten_Langversion_Dez-2025.pdf


