Im Forschungsstand, auch Stand der Forschung genannt, zeigen Sie, dass Sie die Diskussion kennen, in die Ihre Arbeit eingreift. Er beantwortet drei Fragen: Was weiß man bereits? Worüber wird gestritten? Was ist offen? Dieser Leitfaden führt von der gesichteten Literatur zum fertigen Kapitel. Wie Sie die Literatur finden, behandelt der Leitfaden Literaturrecherche: Vorgehen und Datenbanken. Eine englische Fassung mit Beispielen aus Fachzeitschriften ist How to Start a Literature Review.
Was der Forschungsstand leistet
- Er ordnet die vorhandene Forschung, statt sie nachzuerzählen.
- Er bewertet: Welche Befunde sind gut abgesichert, welche beruhen auf kleinen Stichproben oder einem einzigen Land?
- Er begründet Ihre Frage. Die Forschungslücke am Ende des Kapitels ist das Scharnier zu Ihrer eigenen Untersuchung.
- Er liefert den Maßstab für die Diskussion. Im Schlussteil vergleichen Sie Ihre Ergebnisse mit genau den Arbeiten, die hier vorgestellt wurden.
Abgrenzung zu verwandten Teilen
| Teil der Arbeit | Inhalt |
|---|---|
| Einleitung | Problem, Relevanz, Fragestellung, Aufbau. Der Forschungsstand wird hier höchstens in wenigen Sätzen angerissen. |
| Theoretischer Rahmen | Begriffe, Modelle, Theorien, aus denen Sie Hypothesen ableiten. |
| Forschungsstand | Ergebnisse und Debatten der bisherigen Forschung zu Ihrer Frage, einschließlich methodischer Kritik. |
| Methodenteil | Ihr eigenes Vorgehen. Bei systematischen Literaturarbeiten gehört hierher auch die Dokumentation der Suche. |
In fünf Schritten zum Kapitel
1. Frage eingrenzen
Ohne Eingrenzung wird der Forschungsstand uferlos. Legen Sie fest, was dazugehört: Zeitraum, Region, Population, Methode, Sprache der Publikationen. „Homeoffice“ ist ein Themenfeld. „Zusammenhang von Homeoffice-Anteil und Arbeitszufriedenheit bei Büroangestellten in Europa seit 2015“ ist ein Suchauftrag.
2. Literatur sichten und auswählen
Lesen Sie zuerst Abstract, Einleitung und Schluss und entscheiden Sie dann, ob sich die vollständige Lektüre lohnt. Beginnen Sie mit Übersichtsarbeiten und Metaanalysen, weil sie das Feld bereits ordnen und die zentralen Primärstudien nennen. Priorität haben begutachtete Zeitschriftenaufsätze, Monografien aus Fachverlagen und einschlägige Sammelbände. Lehrbücher, Ratgeber und Webseiten eignen sich zur Orientierung, tragen aber keinen Forschungsstand.
3. Literaturmatrix anlegen
Die Matrix ist das wichtigste Werkzeug gegen die Nacherzählung. Jede Zeile ist eine Studie, jede Spalte ein Merkmal, das Sie vergleichen wollen. Das folgende Beispiel verwendet vier veröffentlichte Studien. Die Angaben zu Daten, Methode und Ergebnis folgen den Abstracts der Aufsätze (geprüft am 22.09.2026 über Crossref und OpenAlex, Nachweise unter Quellen). Die Spalten „Grenzen“ und „Bezug zu meiner Frage“ sind die Einschätzung einer gedachten Studentin und stehen so nicht in den Aufsätzen.
| Studie | Fragestellung | Daten und Methode | Zentrales Ergebnis | Grenzen | Bezug zu meiner Frage |
|---|---|---|---|---|---|
| Gajendran und Harrison (2007) | Folgen von Telearbeit und ihre Vermittlung | Metaanalyse, 46 Studien, 12 883 Beschäftigte | kleine, überwiegend günstige Effekte, unter anderem auf Arbeitszufriedenheit, teilweise vermittelt über wahrgenommene Autonomie. Bei mehr als 2,5 Tagen pro Woche leiden die Beziehungen zu Kolleginnen und Kollegen | Primärstudien von vor 2007 | Ausgangspunkt des Kapitels |
| Golden und Veiga (2005) | Umfang der Telearbeit und Arbeitszufriedenheit | Befragung von 321 Fachkräften, hierarchische Regression | kurvilinearer Zusammenhang, bei hohem Umfang flacht die Zufriedenheit ab. Aufgabeninterdependenz und Handlungsspielraum moderieren | Querschnitt | begründet Hypothese 2 |
| Becker et al. (2022) | Ausmaß und Flexibilität von Homeoffice in der Pandemie | Onlinebefragung, 477 Beschäftigte einer Landesbehörde | kein Zusammenhang zwischen Ausmaß und Zufriedenheit. Die Flexibilität des Arbeitsorts hängt positiv mit Zufriedenheit zusammen | eine Behörde, plötzlicher Wechsel ins Homeoffice | abweichender Befund |
| Cooper und Kurland (2002) | Telearbeit und berufliche Isolation | Grounded Theory, 93 Interviews in zwei Unternehmen und zwei Stadtverwaltungen | Isolation hängt an informellem Lernen, Netzwerken und Mentoring | vier Organisationen, Daten von vor 2002 | möglicher Mechanismus |
Liest man die Matrix spaltenweise, entstehen die Absätze fast von selbst: Wo stimmen die Ergebnisse überein? Wo widersprechen sie sich, und lässt sich das mit den Spalten „Daten und Methode“ oder „Grenzen“ erklären?
4. Gliederung wählen
| Muster | Geeignet, wenn | Beispiel |
|---|---|---|
| Thematisch | die Forschung mehrere Teilaspekte behandelt. Das ist der Normalfall. | Autonomie, Isolation, Vereinbarkeit, Führung |
| Nach Positionen | sich Schulen oder Lager gegenüberstehen | Befürworter der Ressourcenthese, Vertreter der Entgrenzungsthese |
| Methodisch | Ergebnisse stark vom Vorgehen abhängen | Querschnittstudien, Längsschnittstudien, qualitative Studien |
| Chronologisch | sich das Feld in erkennbaren Phasen entwickelt hat | Telearbeit der 1990er, Flexibilisierung, Pandemie und danach |
Eine rein chronologische Gliederung verleitet zur Aufzählung. Wenn Sie sie wählen, dann mit Phasen und deren Leitfragen als Überschriften und nicht mit Jahreszahlen. Häufig bewährt sich eine thematische Gliederung, die innerhalb der Abschnitte chronologisch oder vom Allgemeinen zum Besonderen vorgeht.
5. Schreiben: vom Allgemeinen zur Lücke
Das Kapitel gleicht einem Trichter. Es beginnt mit dem breiten, gut gesicherten Wissen, wird mit jedem Abschnitt spezieller und endet bei dem, was noch niemand untersucht hat. Ein Aufbau, der fast immer funktioniert:
- Ein einleitender Absatz: Welche Forschung wird betrachtet, wie ist das Kapitel gegliedert, was wurde ausgeschlossen?
- Zwei bis fünf thematische Abschnitte. Jeder endet mit einem Satz, der den Befund des Abschnitts zusammenfasst.
- Ein Zwischenfazit, das die Forschungslücke benennt und zur eigenen Fragestellung überleitet.
Synthese statt Aufzählung: ein Beispiel
So sollte ein Absatz nicht aussehen:
Gajendran und Harrison (2007) werteten 46 Studien mit 12 883 Beschäftigten aus und fanden kleine, überwiegend günstige Effekte. Golden und Veiga (2005) haben 321 Fachkräfte befragt und fanden einen kurvilinearen Zusammenhang zwischen dem Umfang der Telearbeit und der Arbeitszufriedenheit. Becker et al. (2022) befragten 477 Beschäftigte einer Landesbehörde und fanden keinen Zusammenhang zwischen dem Ausmaß des Homeoffice und der Zufriedenheit. Cooper und Kurland (2002) führten 93 Interviews und stellten fest, dass berufliche Isolation mit fehlendem informellem Lernen zusammenhängt.
Jeder Satz hat eine Studie als Subjekt, und die Verbindung zwischen ihnen muss sich die Leserin selbst denken. Derselbe Inhalt als Synthese:
Im Mittel hängt Telearbeit schwach positiv mit der Arbeitszufriedenheit zusammen, und dieser Zusammenhang läuft zumindest teilweise über die wahrgenommene Autonomie (Gajendran & Harrison, 2007). Weniger einheitlich sind die Befunde zur Frage, ob mehr Homeoffice auch mehr Zufriedenheit bedeutet. Eine Querschnittstudie an 321 Fachkräften spricht für einen kurvilinearen Verlauf, bei dem die Zufriedenheit mit wachsendem Umfang nicht weiter steigt; Aufgabeninterdependenz und Handlungsspielraum moderieren diesen Zusammenhang (Golden & Veiga, 2005). In einer Landesbehörde zeigte sich während der Pandemie gar kein Zusammenhang zwischen dem Ausmaß des Homeoffice und der Zufriedenheit, wohl aber zwischen der Möglichkeit, den Arbeitsort flexibel zu wählen, und fast allen erhobenen Größen (Becker et al., 2022). Eine mögliche Erklärung, warum ein hoher Anteil nicht weiter nützt, liefert die qualitative Forschung: Berufliche Isolation entsteht dort, wo informelles Lernen, Netzwerken und Mentoring wegfallen (Cooper & Kurland, 2002), und die Metaanalyse findet bei mehr als 2,5 Tagen pro Woche schlechtere Beziehungen zu Kolleginnen und Kollegen (Gajendran & Harrison, 2007).
Hier ist der Befund das Subjekt, die Studien sind Belege. Der Absatz benennt Übereinstimmung, Widerspruch und eine mögliche Erklärung. Ob Isolation den Rückgang der Zufriedenheit tatsächlich erklärt, prüft keine der vier Studien. Eine solche Beobachtung wäre der Ansatz für eine Forschungslücke, sie gilt aber nur für diese kleine Auswahl und ersetzt keine vollständige Recherche. Beide Beispielabsätze stützen sich allein auf die Abstracts. In Ihrer Arbeit lesen und zitieren Sie die Volltexte.
Die Forschungslücke benennen
Eine Forschungslücke ist mehr als „dazu gibt es noch nichts“. Typische Formen:
- Inhaltlich: Ein Teilaspekt, eine Gruppe oder eine Region wurde nicht untersucht.
- Methodisch: Es liegen nur Querschnittdaten, nur Selbstauskünfte oder nur kleine Stichproben vor.
- Theoretisch: Ein Zusammenhang ist belegt, aber nicht erklärt.
- Widersprüchliche Befunde: Studien kommen zu gegensätzlichen Ergebnissen, ohne dass der Grund geklärt ist.
- Aktualität: Die Befunde stammen aus der Zeit vor einer wesentlichen Veränderung.
Nennen Sie die Lücke ausdrücklich und begründen Sie, warum es sich lohnt, sie zu schließen. Dass etwas noch nie untersucht wurde, ist allein kein Argument. Ein Verfahren, mit dem sich Lücken systematisch finden lassen, beschreibt der englische Leitfaden How to Find Research Gaps.
Formulierungshilfen
Konsens darstellen
- In der Forschung besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass …
- Mehrere Studien kommen übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass …
- Als gesichert kann gelten, dass …
Kontroversen und Widersprüche
- Umstritten ist hingegen, ob …
- Im Gegensatz dazu argumentiert …, dass …
- Die Befunde hierzu sind uneinheitlich: Während …, zeigt …
- Diese Abweichung lässt sich möglicherweise darauf zurückführen, dass …
Kritisch bewerten
- Einschränkend ist anzumerken, dass die Stichprobe …
- Offen bleibt, ob sich dieser Befund auf … übertragen lässt.
- Die Aussagekraft ist begrenzt, da …
Lücke und Überleitung
- Bislang kaum untersucht wurde …
- Es fehlen insbesondere Längsschnittstudien, die …
- An dieser Stelle setzt die vorliegende Arbeit an, indem sie …
Vermeiden Sie wertende Adjektive ohne Begründung („die hervorragende Studie von …“) und Reihungen nach dem Muster „Auch X hat sich mit dem Thema beschäftigt“.
Richtig belegen
- Jede Aussage über die Forschung braucht einen Beleg. Bei Aussagen über den Konsens sind es mehrere.
- Zitieren Sie sparsam wörtlich. Im Forschungsstand wird fast ausschließlich paraphrasiert.
- Geben Sie nur wieder, was Sie selbst gelesen haben. Ein Befund, den Sie aus der Einleitung einer anderen Arbeit kennen, ist ein Sekundärzitat und wird als solches gekennzeichnet oder besser im Original geprüft.
- Mehrere Belege in einer Klammer werden bei APA alphabetisch geordnet und mit Semikolon getrennt.
Die Belegformen der verschiedenen Zitierweisen zeigt der Vergleich Deutsche Zitierweise, Harvard und APA.
KI-Werkzeuge im Forschungsstand
KI kann beim Finden und Ordnen von Literatur helfen. Das Lesen und das Urteil kann sie Ihnen nicht abnehmen. Der KI-Leitfaden mehrerer Arbeitsbereiche der Freien Universität Berlin (Dezember 2025) erlaubt zum Beispiel KI-Zusammenfassungen für das eigene Verständnis, untersagt aber, sie in die Arbeit zu übernehmen, und verlangt, aus der Originalquelle mit den dortigen Seitenzahlen zu zitieren. Was Sie kennzeichnen müssen, steht im Leitfaden KI-Tools in der Abschlussarbeit zitieren und kennzeichnen.
Häufige Fehler
- Studie für Studie nacherzählen, statt Befunde zu bündeln.
- Nur zusammenfassen und nicht bewerten. Ein Forschungsstand ohne methodische Einordnung bleibt eine Inhaltsangabe.
- Zu breit anfangen. Drei Seiten zur Geschichte der Arbeitswelt, bevor das eigentliche Thema beginnt.
- Veraltete Literatur. Klassiker gehören hinein, aber der aktuelle Stand braucht aktuelle Arbeiten.
- Nur deutschsprachige Quellen in einem Feld, dessen Forschung überwiegend auf Englisch erscheint.
- Keine Lücke benannt. Das Kapitel endet, ohne zur eigenen Fragestellung zu führen.
- Forschungsstand und Diskussion passen nicht zusammen. Im Schlussteil tauchen Arbeiten auf, die vorher nie erwähnt wurden.
Quellen
- Gajendran, R. S. & Harrison, D. A. (2007). The good, the bad, and the unknown about telecommuting: Meta-analysis of psychological mediators and individual consequences. Journal of Applied Psychology, 92(6), 1524–1541. https://doi.org/10.1037/0021-9010.92.6.1524
- Golden, T. D. & Veiga, J. F. (2005). The impact of extent of telecommuting on job satisfaction: Resolving inconsistent findings. Journal of Management, 31(2), 301–318. https://doi.org/10.1177/0149206304271768
- Cooper, C. D. & Kurland, N. B. (2002). Telecommuting, professional isolation, and employee development in public and private organizations. Journal of Organizational Behavior, 23(4), 511–532. https://doi.org/10.1002/job.145
- Becker, C., Thörel, E., Pauls, N. & Göritz, A. S. (2022). Homeoffice in Corona-Zeiten – Sind Ausmaß und/oder Flexibilität wichtig für Arbeitszufriedenheit, soziale Unterstützung, Commitment und Arbeitsunterbrechungen? Gruppe. Interaktion. Organisation. Zeitschrift für Angewandte Organisationspsychologie (GIO), 53(2), 173–187. https://doi.org/10.1007/s11612-022-00630-z
- Esselborn-Krumbiegel, H. (2021). Von der Idee zum Text: Eine Anleitung zum wissenschaftlichen Schreiben (6. Aufl.). Brill Schöningh (UTB).
- Kornmeier, M. (2024). Wissenschaftlich schreiben leicht gemacht: Für Bachelor, Master und Dissertation (10., aktualisierte und ergänzte Aufl.). Haupt (UTB).
- Booth, A., Sutton, A., Clowes, M. & Martyn-St James, M. (2026). Systematic approaches to a successful literature review (4. Aufl.). SAGE.
- Bach, A., Holder, K., Schmidt, M. & Wissmann, J. (2025). Leitfaden zur Nutzung KI-basierter Systeme und Tools in Abschlussarbeiten (Stand: Dezember 2025). Freie Universität Berlin. https://www.ewi-psy.fu-berlin.de/erziehungswissenschaft/arbeitsbereiche/schulentwicklungsforschung/downloads/Leitfaden_KI_Abschlussarbeiten_Langversion_Dez-2025.pdf


